In den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als Filme wie “Rock around the Clock” den Rock ‘n’ Roll populär zu machen begannen und Stars wie Gina Lollobrigida und Brigitte Bardot der Sünde (“Und immer lockt das Weib”) im Gemütsleben auch der Deutschen eine feuchte Nische schufen, in der später so genannten “Adenauerzeit” also, wagte man sich auch manchmal unter Vorspiegelung  wissenschaftlicher Dokumentation an solch delikate Themen wie “Sex” und “Geburt”. Ich erinnere mich an eine solche Geburts-Dokumentation, der die Prüfer der FSK unter dem strengen Auge der “Aktion saubere Leinwand” nur deshalb eine Vorführgenehmigung erteilten, weil längs durch den Kinosaal ein Seil gespannt wurde, das die Geschlechter voneinander trennte. Offenbar waren die Zensoren besorgt, Männer könnten beim Anblick einer Geburt von ihren Trieben überwältigt werden und über die in ihrer Nachbarschaft sitzenden Frauen in unstillbarer Erektionsnot herfallen. Und wirklich – das Seil verhinderte Vergewaltigungen im Kinosaal. Ich kann es bestätigen, denn ich war dabei.

Gestern war ich wieder mal im Kino. “Feuchtgebiete”. Als das Buch auf den Markt kam, las ich es nicht ohne Vergnügen, konnte mir aber beileibe nicht vorstellen, daß man solch einen Text verfilmen kann. Man konnte. Ich war ziemlich beeindruckt. Der Film-Text, meist aus dem Off, benutzte (und sicherte sich damit quasi ab) das Vokabular der Charlotte Roche. Deren Buch hatte vor fünf Jahren Zensur und Kritik einigermaßen unbehelligt passiert und war damit also quasi sanktioniert. Die Grenze zwischen Literatur und Pornografie, seit Henry Miller in den 50er Jahren unablässig attackiert, war wieder ein Stück durchlässiger geworden. Daran haben die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek (“Lust” vom 1989) und die Macher von “Sex and the City” keinen geringen Anteil.

Der Fall Natascha Kampusch wirft Fragen auf nach dem Zustand einer sich vor allem im Netz artikulierenden Öffentlichkeit, deren kaum noch gebremster Haß gegen das atypische Opfer eines Verbrechens sich in Gestalt unflätiger Beschimpfungen und widerlicher Witze Ausdruck verschafft. Stoßen wir hier auf den Bodensatz einer Zivilisation, die eine wirkliche, durchgreifende Humanisierung auch inmitten angeblich christlicher oder aufgeklärter Werte zu leisten nie imstande sein wird? Die Österreicherin Elfriede Jelinek spricht von den “dunklen Energien des Volkes”, wenn es “von der Leine gelassen wird”. Ist dieser allzeit pogrombereite Mob auch außerhalb von Fußballstadien allgegenwärtig und bereit loszuschlagen, wenn es wieder darum geht, Juden oder andere unerwünschte Fremdlinge zu massakrieren?

Jetzt üben sie wieder den Schulterschluß, die Gläubigen dieser Welt, anläßlich der ihnen unerträglichen Beleidigungen des Propheten Mohammed. Als wäre Mosebachs, des katholischen Inquisitors (s. DREYZACK-Art. “Inquisition jetzt“), Geist in sie gefahren. Etwa in den CSU-Abgeordneten Hans-Peter Uhl, der durchaus als eine repräsenrtative Stimme des konservativen Lagers in Deutschland angesehen werden kann ( http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1868874/) . Uhl geht es einfach zu weit mit der Freiheit, die sich die Ungläubigen nehmen, wenn sie das Christentum und Religionen überhaupt verunglimpfen. Er will seine chrislichen Brüder und Schwestern wachrütteln, sie aus ihrer “Resignation” zerren, damit sie, wie die muslimischen Vettern und Basen, wenn auch nicht gleich Leute totschlagen, so doch zornig protestieren und wenigstens vor Gericht ziehen. Immerhin hätten wir ja noch den Straftatbestand der Gotteslästerung, der in Deutschland nur nicht verfolgt werde. Leider, jammert Uhl.

Schon als Kind faszinierten mich alle Superheldengeschichten. Sie brachten mich in Rage über Bösewichte, in körperliche Betätigung bei dem Nachstellen verschiedener Kampfszenen, verzückten mich mit romantischen Einlagen, kräftigten mein Gerechtigkeitsempfinden und zeigten mir vor allem, wie man die Guten klar von den Bösen unterscheiden kann… Tja, das mit den Guten und den Bösen ist aber nun so eine Sache. Erst vor ein paar Tagen geriet meine Urteilskraft im Zuge einer Superheldengeschichte wieder einmal in arge Bedrängnis.

Gestern war ich im Kino. Es war voll bis zum letzten Platz der ersten Reihe. Es ging um Sex. In den 50er Jahren gab es mal einen Film über Fortpflanzung und Geburt, irgendwie also auch über Sex, und da hatte man, mitten in einer westdeutschen Stadt, ein Seil der Länge nach durch den rappelvollen Zuschauerraum gespannt, um die Geschlechter zu trennen. Drastische Geschlechter- Apartheid. Befürchtet wurde offenbar, daß Männer und Frauen angesichts einer blutigen (schwarz-weißen) Geburt übereinander herfallen würden. Daraus ließ sich einiges schließen auf die Phantasie derer, die auf die islamisch anmutende Seil-Trennungs-Idee gekommen waren, ohne etwas vom Islam zu wissen. Gerade mal etwas mehr als 50 Jahre trennen also nur die das Verhältnis der Geschlechter ordnenden Regeln in der christlichen Bundesrepublik Adenauers von den sehr ähnlichen eines islamischen Gottesstaates heute.