Gestern war ich wieder mal im Kino. “Feuchtgebiete”. Als das Buch auf den Markt kam, las ich es nicht ohne Vergnügen, konnte mir aber beileibe nicht vorstellen, daß man solch einen Text verfilmen kann. Man konnte. Ich war ziemlich beeindruckt. Der Film-Text, meist aus dem Off, benutzte (und sicherte sich damit quasi ab) das Vokabular der Charlotte Roche. Deren Buch hatte vor fünf Jahren Zensur und Kritik einigermaßen unbehelligt passiert und war damit also quasi sanktioniert. Die Grenze zwischen Literatur und Pornografie, seit Henry Miller in den 50er Jahren unablässig attackiert, war wieder ein Stück durchlässiger geworden. Daran haben die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek (“Lust” vom 1989) und die Macher von “Sex and the City” keinen geringen Anteil.

Kürzlich war ich mit Freunden in der Oper. Mag gab “Don Giovanni”. Eine Freundin bekannte sich anschließend dazu, in dem skrupellosen Verführer, dem als Über-Macho berüchtigten Spanier Don Juan ein Pendant gefunden zu haben. Sie verstand ihn als “schönes, wildes Tier”, wohl in Erinnerung an Wedekinds Drama “Erdgeist” , in dessen Prolog ein Tierbändiger sein Publikum anheizt mit den Worten: “Das wahre Tier, das wilde schöne Tier, das – meine Damen! – sehn sie nur bei mir.” Solch ein Tier erblickte die Freundin bewundernd in Don Juan in all seiner – wie sie es verstand – “Naturhaftigkeit”. Für Wedekind und seit Jahrtausenden für die meisten seiner Vorgänger ist aber dieses Tier – eine Frau. Im “Erdgeist” heißt sie Lulu und agiert als Verderberin aller Männer, ehe sie am Ende von Jack the Ripper aufgeschlitzt wird. Das ist dann ihre Höllenfahrt.

Seit dem Ausbruch des Karikaturenstreits und angesichts der Fronten, die sich damals bildeten, wurde ich zum Verschwörungstheoretiker. Es hatte sich, so begriff ich, zwischen den Mullahs und Ayatollas, dem Papst und deutschen Intellektuellen (Habermas) ein Bündnis gebildet, von dessen Adhäsionsskraft ich mir vorher keine Vorstellung hatte machen können. Der ehemalige Teufel und Erzfeind Mohammed war “beleidigt” worden, und schon sprang der Vatikan den beleidigten Gläubigen zur Seite. Habermas, irgendwann mal aus dem Nebel des Neo-Marxismus auftaucht, beriet mit dem Papst darüber, wie ein postsäkulares Zeitalter einzuleiten sei, worin die Religion wieder mehr zu sagen haben würde. Und jetzt reiht sich in diese Flanke des Bündnisses – Künstler und Intellektuelle – der Büchnerpreisträger Martin Mosebach mit einem wahrhaft furchterregenden Beitrag ein.

Der anerkannte seriöse amerikanische Autor Nicholson Baker hat – wenn wir den Kritikern glauben dürfen – einen “pornographischen” Roman veröffentlicht: “Haus der Löcher”. Es gibt unter den Rezensenten welche, die halten schon den Titel für pornographisch, so etwa die “Kulturzeit”-Moderatorin in 3sat. Sie wissen auch, daß Baker Wiederholungstäter ist. Vor Jahren schrieb er ein Buch über Telefonsex (“Vox”) und eins über jemand, der die Gabe hat, die Zeit anzuhalten, um mit Hilfe seiner Pausentaste voyeuristische Studien zu betreiben (“Die Fermate”).