Ein ehemaliger Botschafter der USA in Berlin hat es, mit Blick auf die NSA-Affäre, auf den Punkt gebracht: angesichts der rasanten Entwicklung neuer Technologien ist ein einzelner Mann wie Barack Obama “überfordert”. Dabei ist er einer der Klügsten, wenigstens im Vergleich zu seinen europäischen Kollegen, von deutschen Politikern wie Pofalla und Friedrich ganz zu schweigen.

Schaut ihr ins Gesicht, unserer Kanzlerin! Freundlich, offen, ja mütterlich blickt sie uns an. Kann da der Schimmer eines Verdachts aufkommen, die Unterstellung eines Bösen, das vielleicht hinter einer Fassade aus hausfraulicher Lauterkeit lauert. Könnte man Angela zutrauen, daß sie heimliche Sympathien für den Dschihad hegt, aus schwarzen Kassen für Al Kaida spendet, gemeinsam in russisch geführten nächtlichen Gesprächen mit Putin Amerikas Weltherrschart anzweifelt? Niemand mit gesundem Menschenverstand kann so etwas vermuten. Sie hat nichts zu verbergen, ergo muß sie auch nichts befürchten. Und deshalb braucht sie sich auch keine Sorgen zu machen, wenn Big Brother ihre heimlichsten Gedanken liest. Denn nicht einmal diese Gedanken brauchen das Tageslicht zu scheuen – glauben wir wenigstens. Andererseits hat sie die gleichen Rechte wie alle anderen. Also auch das Mega-Grundrecht auf Sicherheit. Dafür, daß dieses Grundrecht Angelas (und unser aller Grundrecht) nicht verletzt wird, dafür sorgt eben Big Brother. Wie der Vater im Himmel, dessen Klon er zu sein scheint, schaut er in jede Zimmerecke, unter jede Bettdecke, in jede Klo-Kabine, in jedes Herz, in jedes Hirn. Will er doch die aktuellen und die zukünftigen Sünder ertappen, die noch nicht einmal in Wolkenkratzer fliegen müssen, wenn sie uns schaden  wollen. Allein die Verbreitung sündhaft-schädlicher Gedanken schadet uns und unserer Sicherheit.

Lampedusa ist der Limbus, die Vorhölle, - für alle, die aus ihrer afrikanischen Hölle ins Paradies Europa streben. Kürzlich zeigte 3sat in einer Dokumentation über Lausanne, die schöne Schweizer Stadt am Genfer See, wie sich das Paradies verändert, unwohnlich wird, wenn die aus der Vorhölle Kommenden es etwa in eine Drogenhölle verwandeln. Sie haben keine Wahl, weil keine Arbeit, keine Einkünfte. Sie dealen und bedienen die Sucht der Paradiesbewohner, die sich zu ihrem realen Paradies noch künstliche Paradiese hinzuwünschen. Indem die Afrikaner den europäischen Eingeborenen ihre Städte, wo sie doch nur als Menschen leben wollten, unwohnlich machen, erschweren sie allen , die noch nachkommen, auf Aufnahme- und Hilfsbereitschaft zählen zu dürfen. So wird Lampedusa, statt ein Vorhof des Paradieses zu sein, zur neuen Vorhölle Es gibt offenbar für die, die sich den Seelenverkäufern an den Küsten Nordafrikas anvertrauen, nur die Wahl zwischen zwei Höllen.

Journalisten betreiben auch Volksaufklärung. Sie erklären dem Volk Sachverhalte, die es sonst nicht versteht. Zum Beispiel erklären sie: Bernd Lucke, der Erfinder der “Alternative für Deutschland”, ist ein Rechter, wenn nicht ein Nazi. Warum? Weil er von “Entartung” (der Demokratie) gesprochen hat. Die Nazis haben nämlich von “Entartung” (der Kunst) gesprochen. Die Nazis haben so viele Wörter verdorben (man denke nur an “Rasse, an “Volk”, an “Blut und Boden”), daß die Nach-Nazis gezwungen waren, die verdorbenen Wörter durch englische oder (für Gebildete) Fremdwörter zu ersetzen. Sagt man “Degeneration” statt “Entartung”, ist es nicht mehr so schlimm. Dann darf man ruhig dasselbe meinen. Im DREYZACK etwa liest man, die Demokratie bedürfe einer “Transformation”. Klingt gut, meint aber in etwa das, was Entartungs-/Degenerations-Diagnostiker auch meinen. In Italien (Berlusconi)  und in den USA (Haushaltsstreit), um nur die krassesten Beispiele zu nennen, beobachtet der Zeitgenosse Krankheitsformen, die dem entarteten Zellhaufen Krebs (bildlich gesprochen) nicht ganz unähnlich sind. Um den demokratischen Organismus zu retten, müßte der Krebs operiert werden. Der Krebs der gegenwärtigen Demokratie heißt, vereinfacht (populistisch) gesprochen: entfesselte Märkte. Deren undurchsichtige Transaktionen, Anlageformen, faule Kredite, Erpressungsszenarien gegenüber der Politik vermehrten sich wie Krebszellen, drohen den ganzen Körper (also die Demokratie als Gesellschaftssystem) kollabieren zu lassen. Die simplifizierende (populistische) Antwort war: Es gibt keine Alternative. Gemeint war nicht, wie vordergründig verstanden wurde, die Behandlungsmethode, sondern recht eigentlich der gegenwärtige Kapitalismus selbst - sein Krebs eingeschlossen. Die Ursache der “Entartung” wird auch durch die Tabuisierung böser Wörter nicht angetastet.

Wer einmal einem großen Orchester von der eigentlichen Konzert beim Einspielen zugehört hat, wurde im Zweifel Zeuge einer gewaltigen Kakophonie, aus der einzelne Instrumente mit ihren Motiven herausstachen, aber in Abwesenheit des Dirigenten sich kein sinnvoller Klang-Organismus, also eine Art Vorstufe eines Konzerts (eigentlich ein organisierter Wettstreit) bilden konnte. So klingt es immer im politischen Konzertsaal nach Wahlen, aber heuer erwecken die Disharmonien den Eindruck eines gar nicht organisierbaren Chaos, so daß schon Stimmen zu hören sind, man solle doch bitte den Saal verlassen und noch einmal von vorn anfangen. “Neuwahlen” raunen diese Stimmen und meinen, man solle so lange wählen, bis es paßt und die FDP als Merkel-Partner wieder zur Verfügung steht.  Die wahre Ursache für solch eine aus Sicht “wahrer” Demokraten unzumutbaren Wahl-Manipulation ist die Anwesenheit von Akteuren auf dem Podium, die den Frack verweigern und im Schmuddel-Outfit mit ungekämmten Haaren in ihre Trompeten blasen, als gehörten sie einer Jazz-Band an. Diese Leute sitzen ganz links auf dem Podium. Der Rest des Orchesters (bis auf Ausnahmen) vermeidet den Blickkontakt mit ihnen, kommen sie doch aus einer Musikschule, in der das dissonantische Dazwischenblasen als Markenzeichen eingeübt wurde. Mit ihnen, heißt es aus den Reihen der dem klassischen Dress-Code Entsprechenden, könne man keinen Mozart realisieren.

Das Raubtier, Emblem des gegenwärtigen Kapitalismus, hatte sich in Deutschland unter dem Namen “FDP” zuletzt in einen kleinen gelben kläffenden und zuallerletzt herzerweichend winselnden Köter verwandelt. Dafür bekam es (vier Jahre zu spät) einen Fußtritt und ist weg. Auf stieg dagegen in der Wahlnacht wie ein gütiger Mond, alles in mildes Licht tauchend, das Gesicht der großen Mutter. Sie ist, worauf ihr Name deutet, damit zu einem neuen, Hoffnung verbreitenden Engel der Geschichte geworden, der verkündet: Alles wird gut. Ich wache. Ihr könnt schlafen, meine Kinder. Oder, um das Farbenspiel der Parteien zu verwenden, sie legt ihr Volk in ein großes warmes schwarzes Moorbad, wo es von seinen Übeln genesen soll. Dieses Volk, einst von Heine als “großer Lümmel” qualifiziert, regrediert in der Ära Merkel zum großen Kind, ja zum großen Säugling. “Infantilgesellschaft” nannte Elfriede Jelinek die Welt dieses Kindes. Dort wird es nach dem Moorbad gepampert und gestillt, und der Lärm der bösen Welt kommt nicht an seine Ohren.

Daß Barack Obama seinen Heiligenschein verloren hat und daß ihm bislang die Dornenkrone erspart blieb, liegt möglicherweise daran, daß wir die objektiven Gesetze ahnen, mit deren Hilfe sich gesellschaftliche Systeme reproduzieren (Niklas Luhmann spricht von “Autopoiesis”). Wer als Politiker nicht so kläglich scheitern will wie Mohammed Mursi, muß sich ihnen anpassen. Obama muß sich, will er nicht aus dem Amt gejagt oder gar liquidiert werden, den spezifischen Gesetzen der, um es zugespitzt zu formulieren, amerikanischen rassistischen Theokratie, die sich als Demokratie tarnt, anpassen. Das tief gespaltene Land wird nur von den Vorstellungen seiner Gott gedankten Größe zusammengehalten, die es um jeden Preis zu verteidigen gilt. Auch um den Preis der eigentlichen Werte der Demokratie, die, als Menschenrechte zusammengefaßt, nie so drastische Urteile wie das gegen Bradley Manning und auch keine Todesurteile billigen können. Auch keine politischen Morde in Chile und die Unterstützung blutgieriger Diktatoren in Südamerika und Asien wären nach den Maßstäben der eigenen Verfassung erlaubt, es sei denn, man etabliere eine Meta-Verfassung. Dies geschah mit dem Patriot Act im Anschluß an 9/11. Seitdem werden Menschenrechtsverletzungen etwa in Guantanamo, in Abu Ghraib, werden Massaker an Zivilisten durch US-Soldaten in Afghanistan und Irak gar nicht oder milde verfolgt – ganz im Gegensatz zu der Härte, die Whistleblower erfahren. Der Präsident mag sich ganz andere Ziele gesetzt haben – etwa die Schließung von Guantanamo – seine Position wäre aber unhaltbar, würde er sich mit der halben Nation und mächtigen Institutionen wie den Geheimdiensten ernsthaft anlegen. Es geht ihm möglicherweise so wie jenen staatstreuen Christen, die glaubten, sich den Nazis andienen zu können, “um Schlimmeres zu verhindern”.

Irgendwann hatten die Götter ausgespielt, wenigstens im Norden - erzählt der Mythos. Aber ausgestorben waren sie noch lange nicht. Es ist auch das Geschäft des Mythos, vor allem am östlichen Rand des Mittelmeeres, immer neue zu erfinden. Auch Halbgötter und Messiasse, also Erlösergestalten,  produziert der Mythos unablässig, denn der Bedarf ist unerschöpflich. Kürzlich erschien wieder einer - mitten in Amerika. Er hieß Barack Obama und erlöste die Welt vom Bösen, das in George W. Bush Fleisch geworden war. Jetzt aber zeigt sich, daß wir uns alle getäuscht hatten. Er ist Messias sowenig für die Welt wie Jesus es für die Juden ist. Er wird die Welt nicht erlösen. Wir ließen uns blenden von seiner Rednergabe, von seiner tollen Frau und seinen liebreizenden Töchtern. Jetzt erkennen wir, daß auch er mit Verfolgungswahn und Rachsucht angefüllt ist und jene, die er als “die Bösen” markiert hat, mit grenzenloser Unnachsichtigkeit verfolgt. Der letzte dieser markierten Bösen heißt Bradley Manning, ein schüchternes Jüngelchen, ein Todfeind Amerikas als halbes Kind verkleidet.

Analphabeten können in der Regel nichts für ihren defizienten Status. Sie sind auch nicht dümmer oder begriffsstutziger als Lese- und Schreibkundige, sondern meist zu einer falschen Zeit in einer falschen Gegend oder auch, was erschwerend hinzukommen kann, mit dem falschen Geschlecht zur Welt gekommen. Etwa als Frau im 20. Jahrhundert in Pakistan oder Oberägypten. Eine Frau mit den “natürlichen” Anlagen der Ägypterin wäre vielleicht in New York oder München Professorin oder Politikerin geworden. In Oberägypten aber enthielt man ihr die Schulbildung vor, verstümmelte ihre Genitalien, ließ sie Kinder in endloser Reihe gebären und hieß sie an einen Gott glauben, der vor fast eineinhalb Jahrtausenden einem Propheten seine ewigwährenden Wahrheiten einflüsterte. Viel mehr weiß ihr Vater, ihr Bruder, ihr Mann auch nicht von der Welt, als daß man, hält man sich an die Regeln, eines Tages hinübergeht in das Paradies dieses Gottes. Dieses “Wissen” und kaum etwas anderes wurde seit Jahrhunderten überliefert. Man richtete sich mit ihm in der Welt ein, beschnitt die Mädchen und bereitete sich auf das Ende des Lebens und den Übergang in ein besseres vor, wo Milch und Honig fließen,denn “das irdische Leben ist nur ein Spiel und ein Scherz” (Sure 47).

Vor ein paar Tagen war ein Greenpeace-Mann am Telefon. Er bedankte sich für meine langjährige Förder-Mitgliedschaft und wollte wissen, was ich von den Aktivitäten der Organisation halte, ob ich selbst solche Aktivitäten plane, ob ich sie auszuweiten gedenke etc. Alle meine Auskünfte würden natürlich nach datenschutzrechtlichen Maßstäben vertraulich behandelt. Ich mußte lachen. Er lachte mit. Wir verstanden uns. Zwei nackte, sichtbare Verschwörer. Schließlich ist Greenpeace eine systemstörende und gewissermaßen auch regierungskritische Organisation, was aller Welt spätestens vor Augen geführt wurde, als vor einigen Jahren französische Geheimdienstler das Greenpeace-Schiff “Rainbow Warrier” in Auckland versenkten.