Bundespräsident Gauck hat sich am vergangenen Sonntag an der Beschneidungsdebatte vergangen. Da in den letzten Wochen erste, dezente Kritik an seiner Abstinenz aufkam, war es ihm vermutlich ein Bedürfnis, direkt mit der Büchse der Pandora zu spielen. Dabei hätte ihm klar sein müssen, dass die erste Regel für neue Bundespräsidenten ist, sich nicht in Themen einzumischen, bei denen sich die Vertreter von These und Antithese so unvereinbar gegenüber stehen.

Über das “Betreuungsgeld” (vulgo: “Herdprämie”) scheint alles gesagt. Die Ideologien stehen sich unversöhnt gegenüber, und schlußendlich siegte jetzt der Machterhaltungstrieb (Koalitionsfriedens-Bedarf). Dazu wurde der Fortpflanzungstrieb vor allem der Frauen, insofern er auch ein Nesttrieb ist, in die Pflicht genommen. Die meisten Frauen, so die Sage, wollen nicht nur ausbrüten, sie wollen auch atzen und den Kleinen das Singen und Fliegen beibringen. Bleiben wir im Bild, so erkennen wir aber, daß bei den Gefiederten in der Regel beide Eltern das Geschäft besorgen. Nur das Eierlegen ist den Weibchen biologisch vorbehalten. Anders bei den Menschen, sofern sie sich in den christlich-traditionellen Gedankenbahnen der CSU bewegen. Dort legt das Weibchen nicht nur die Eier und brütet sie aus, sondern es bleibt im Nest, und das Männchen trägt die Würmer heran. Immerhin. Solche Arbeitsteilung hat Konsequenzen. Fürs Würmer-Aufsammeln und -Herantragen wird das Männchen nicht nur bezahlt, es hat als Konsequenz auch eine zumutbare Rente im Alter, wenn die Brutgeschäfte weit zurückliegen. Dann begreift manch Weibchen, wie wenig man seine  Arbeit im Nest geschätzt hat. Dafür soll es jetzt die Atzungs-Prämie geben. Ein Witz.

In der möglichen Auswirkung auf das soziale Gefüge und die politische Ausrichtung kaum bemerkt, haben sich in den letzten Jahren zwei wichtige Demokratien der westlichen Welt in Richtung Gottesstaaten entwickelt: die USA und Israel. Die politischen Eliten beider Länder berufen sich auf Gottes Willen, der ihnen die Rolle ihrer Gemeinwesen in der Welt zugewiesen habe. Dem Mose wurde vor ca. dreieinhalbtausend Jahren angeblich das Land versprochen, wo Milch und Honig fließt. Und dort sind die Juden jetzt wieder angekommen - in Eretz Jisrael, das alte Judäa und Samaria, dessen moderne geographische Benennung “Westbank” ist, seit Jahrhunderten bewohnt von Arabern. Die Zionisten, etwa Herzl, die an die Schaffung eines Judenstaates geglaubt und seine Gründung in Angriff genommen hatten, waren Sozialisten, Linke, und keine löckchengeschmückten Orthodoxe. Herzl wollte einen freiheitlich-modernen Staat. ”Zionismus”, sagt der jüdische Publizist Günther Bernd Ginzel, “kann Utopie sein, indem man zurückkehrt zu den zionistischen Idealen des Pioniertums, weg von der Ellbogengesellschaft, weg von der amerikanisierten Gesellschaft Israels, weg von der alles beherrschenden Vision eines  wirtschaftlichen Erfolgs. Die israelische Gesellschaft wird auf nur kapitalistischer Ebene, nur auf der Ebene der freien Martkwirtschaft nicht überleben.” Der Kapitalismus ist aber nur ein Standbein des jüdischen Staates. Seit dem Jom-Kippur-Krieg, so Ginzel, hat sich die Begründung für die Daseinsberechtigung des Staates Israel ins Religiöse verschoben. Damit ist eine kapitalistisch-religiöse Zweibeinigkeit installiert. Und hier treffen sich die religiösen Israelis mit den Evangelikalen der USA: Diese sehen es als gotteslästerlich an, daß Araber im Heiligen Land sind. Dieses gehöre den Juden. Die jüdischen Sozialisten, die säkularen Israelis, sind aber Ginzel zufolge für die Evangelikalen auch Gotteslästerer, “denn es geht natürlich darum, das Land der Bibel vorzubereiten für die Rückkehr Christi. Beide streben sie die messianische Endzeit an”. .http://www.dradio.de/dlf/sendungen/tagfuertag/1859679/

Mitt Romney ist nicht chancenlos. Zu Zeiten von Bush jr. konnte man in Europa schon den Eindruck gewinnen, die USA seien verloren für das, was man die “westliche Wertegemeinschaft” zu nennen pflegt. Obama ließ diese Gemeinschaft wieder hoffen. Sollte er scheitern, fallen die USA ideologisch 300 Jahre zurück – vor die Aufklärung nämlich. Der christlich (präziser im Sinne von Max Weber: protestantisch) verschleierte Kapitalismus mit evangelikalem Einschlag würde durchaus in Harmonie mit den anderen voraufgeklärten Riesenreichen Rußland und China den Anspruch erheben, allein (alternativlos) seligmachend zu sein. Elemente eines Gottesstaates träten verstärkend hinzu.

„Der Patriarch glaubt an Putin, der Schweinehund sollte lieber an Gott glauben“, so die Pussy Riots.
Das Urteil – zwei Jahre Straflager – ist das Ergebnis einer Kumpanei von Kirche und Putin. Die orthodoxe Kirche hat unglaublicherweise ihr zaristisches Denken im Sowjetkommunismus überleben und nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wieder großartig entfalten können. Und das passt wunderbar mit Putins Machtstreben zusammen. Wie würde eine katholische Kirche hier unter gleichen politischen Bedingungen reagieren? Wolfgang Niedecken bringt es auf den Punkt: „Mal angenommen, die drei Damen hätten eine ähnliche Performance im Kölner Dom gemacht – der Kölner Kardinal Meisner wäre ebenfalls im Dreieck gesprungen. Gut dass bei uns Kirche und Staat zweierlei sind.“ (im Spiegel dieser Woche)

Aus westlicher Sicht ist es ein Dilemma, dass sich Russland für die pseudo-demokratische Autokratie mit der gnadenlosen Exekutive eines waschechten Diktators entscheidet. Das russische Volk bevorzugt die physische Sicherheit, die ihm ein autokratisch geführter Staat bietet und die psychische Sicherheit, die ihm die Religion als Stabilisator in der massenneurotischen Verschiebung gibt. Die Freiheit ist in den weiten Landläufen Russlands ein unwillkommener Gast, sie ist schwer zu ertragen und teuer erkauft.

Da freuen sich die Herren Mosebach, Spaemann  und Matussek sowie viele andere in christlichen Landen, die sich nach der Inquisition zurücksehnen. Zwei Jahre Straflager. Daumen nach oben. Gefällt mir! Die Russen, gerade geheilt vom Glauben an Marx und Stalin, haben zurückgefunden zum wahren Glauben. An Gott und Putin. Den wissen sie zu verteidigen. Mehrheitlich und mit Unterstützung der Staaatsmacht. “Schuldig wegen Rowdytums aus religiösem Haß.” Das ist endlich mal eine Ansage, die den Gottesverächtern die Angst einjagen könnte, von der Martin Mosebach glaubt, daß sie vonnöten ist (vgl. DREYZACK-Beitrag “Inquisition jetzt“).

Diese Debatte – um die Beschneidung (hebräisch:brit mila; arabisch: hitan) – wird so bald nicht zu Ende sein. Dafür gebührt zunächst einmal den Kölner Richtern Dank. Sie regt etwa die Kreativität der User an, die z.B. die Urteils-Kritiker Guido Westerwelle und Renate Künast auffordern, sich in einem Solidaritätsakt mit den bei uns lebenden Juden und Muslimen öffentlich beschneiden zu lassen. Andere fordern – wenn man sich schon auf das Alte Testament berufe, um die Brit zu rechtfertigen – die Steinigung von Ehebrechern und ähnlichen Gesetzesübertretern wieder einzuführen (vgl. Levitikus 20ff).. Andererseits beklagen sich die das Urteil Scheltenden über die Intoleranz der “fundamentalistischen Atheisten”. Man habe ja im Sowjetreich gesehen, zu welchen Untaten der verordnete Atheismus fähig ist. Stimmt doch - oder?

In der neuesten Ansprache des Bundespräsidenten Gauck plädiert dieser ehrenwerte Mann für mehr Verantwortung, ergo mehr Auslandseinsätze, der Bundeswehr. Er wird unter anderem mit dem Satz: ”Und dass es wieder deutsche Gefallene gibt, ist für unsere glückssüchtige Gesellschaft schwer zu ertragen” zitiert. Mich lässt dieser Satz aufhorchen, und es stellt sich für mich die Frage, ob eine derartige Rede nicht sehr positiv bewertet werden muss.

Gestern war Wahltag. An solchen Tagen kann sich die Schwarmintelligenz bewähren. Bei Fischschwärmen und auch bei den Staren veblüfft immer wieder, wie abrupt und koordiniert exakte Wendemanöver vollzogen werden. Bei Wählern kann man das auch beobachten, wenn es auch weniger ästhetischen Reiz hat. Einmal wählen sie FDP, weil sie mehr Netto vom Brutto haben wollen, dann wählen sie sie wieder ab, weil sie sich getäuscht fühlen, weil weniger Netto da ist, dann wieder kehrt marsch. Auch ohne mehr Netto. Jetzt wählen sie Piraten, weil sie Politik für eine Art Computerspiel ohne Beziehung zum richtigen Leben halten. Demnächst wählen sie vielleicht, weil Glauben wieder in ist, die Bibeltreuen Christen. Oder in dieser Richtung etwas. Kann man da sinnvollerweise von “Intelligenz” sprechen? Intelligenz hat was mit Einsehen, Verstehen, selbständigem Denken zu tun. Was “versteht” der Wählerschwarm? Was hatte er verstanden, als er George W. Bush zum zweiten Mal wählte? Oder, fast noch schlimmer, Berlusconi zum soundsovielten Mal? Oder grundsätzlicher gefragt: Ist die Mehrheit, die in der Demokratie das Sagen hat, “schwarm-intelligenter” als irgendeine Minderheit (der Künstler, der Wissenschaftler, der “Experten”), die die Opposition gibt?