Eine der frühesten, gleichzeitig prominentesten und eine ganze Theorie der menschlichen Selbstentfremdung aufgrund einer tiefgehenden Täuschung stiftenden Erzählungen, die das Thema der aus den Augen geschaffenen, letztlich (selbst-)mörderischen Liebe durchspielt, ist der Mythos von Narziß. Gleich zu Anfang unserer abendländischen Überlieferung also reichen sich Eros und Thanatos die Hand und bleiben fortan verschwistert. „Der Tod schloß ihm die Augen, die so die eigene Schönheit bestaunten. Und auch später, nachdem er zur Wohnung der Toten gelangt war, spiegelt’ er sich in dem Wasser der Styx.“ So dichtete Ovid. Seitdem ist vor allem in Psychologenkreisen jedwede Liebe (auch Agape) dem Verdacht verfallen, in ihrem Kern nicht nur ein anrüchiges Verhältnis zum Tod zu pflegen, sondern auch ein grundierendes Stück Narzißmus zu enthalten.[1] Die Mittelalter-Sentenzen-Sammlung Thesaurus Proverbiorum Medii Aevi kennt diverse weniger tragische oder heilsbringende, eher harmlos-volkstümliche Varianten und Sprachen mit dem Begriffspaar Sehen-Liebe. Etwa heißt es in einem mittellateinischen Spruch Cor incedit oculus ut stipulat foculus, was etwa soviel bedeutet wie: Das Auge entzündet das Herz wie ein Feuerchen das Stroh. Ähnlich drückt sich Chaucer aus: For the conveitise of eyen folweth the conveitise of the herte (Sinngemäß: Auf die Begehrlichkeit der Augen folgt die Begehrlichkeit des Herzens). Mittelhochdeutsch dichtet Konrad von Würzburg: Was  swaz den ougen sanfte tout das dunket ouch daz herze guot. Und John Keats schrieb – einen großen Zeitsprung später – 1819 an seine Geliebte Fanny Brawne: „Warum darf ich nicht von Deiner Schönheit sprechen, da ich ohne sie Dich niemals geliebt haben würde?“ Ist davon auszugehen, daß Fanny sich diese oberflächliche Betrachtungsweise verbeten hatte, weil sie sich nicht vollständig oder gar falsch wahrgenommen fühlte? Immerhin war, wie Niklas Luhmann anmerkt, „Schönheit besonders bei Frauen topischer Indikator für Tugend“[2]. Daß sie es begrüßt hätte, wenn Keats sich nur noch um ihre „inneren Werte“ gekümmert hätte, darf also bezweifelt werden.

 

Ersichtlich besitzt das Motiv „körperliche Schönheit erzeugt seelische Liebe“ große Überzeugungs- und Überlebenskraft, weil es nicht dem „natürlichen“ Bewußtsein widerspricht. Das spekuliert nicht gern auf angeblich tiefer liegende, verborgene und deshalb wertvollere Tugenden, könnte es doch auch tiefer und bitterer enttäuscht werden, sondern hält sich an das, was sichtbar und anfaßbar ist. Das äußerlich Schöne wird nämlich seit alters für den Widerschein des Guten, des Liebenswerten gehalten, seine Vergänglichkeit gern vergessen. Von Theognis von Megara (6.–5. Jh. v. Chr.) ist der Musenchor anläßlich der Hochzeit von Kadmos und Harmonia überliefert: hotti kalón, phílon estí (Was schön ist, ist beliebt, was nicht schön ist, ist nicht beliebt)[3]. Gleichzeitig tritt hinter dem Kult der Schönheit hervor das seit den Troubadours perennierende Motiv einer Abstraktion und scheinbaren Erhöhung der Geliebten zum Idol, das den Blick, auch den erkennenden, auf die konkrete Frau, auf das Individuum verstellt.[4] Nicht die Frau als Person wurde durch die höfische Liebe aufgewertet, wie manchmal behauptet wird, sondern die Idee von Weiblichkeit, wie sie besonders prägnant als desexualisiert im Marienkult erscheint. Die sinnliche Geliebte des Hoheliedes, die schöne Braut Sulamith mit den Brüsten wie Trauben, mit dem Schoß, dem Würzwein nie mangelt, wird im Mittelalter (etwa Rupert von Deutz, später Teresa v. Avila u.a.) in die Muttergottes umgedeutet, damit nur nichts Fleischliches an diesem Busen, diesem Hals, diesem Schoß bleibe. Die neue Eva sollte die Sünden der alten, den Fluch Gottes und der Kirchenväter über sie und damit den Tod aufheben. Dazu mußte das Lied der Lieder tief in die Allegorese getaucht werden, um in jeder Hinsicht unkenntlich als Liebe Christi zur Seele oder gar zur Kirche wieder aufzutauchen.



[1] Schillers Posa etwa wirft dem an Liebe zu Elisabeth erkrankten Carlos nicht ohne Grund vor, er liebe nur noch sich und kümmere sich nicht nächstenliebend um Flandern. Vom Selbstgenuß in der Hinwendung zum Anderen – Stichwort „Epikuräismus“ – ist auch sonst die Rede. Nietzsche sah in  Jesus, dem durch den eigenen Tod sich selbstlos Hingebenden, den „feinsten Epikuräer“.

[2] Gesellschaftsstruktur und Semantik Bd. 3., Frankfurt/M. 1989, S. 175

[3] Zitiert nach: Die Geschichte der Schönheit (Hrsg.: U. Eco), München/Wien 2004

[4] Bei Proust findet sich dieses Motiv mehrfach: „Die Liebe wird unermeßlich groß, wir aber denken nicht daran, einen wie geringen Platz die wirkliche Frau darin einnimmt“ („ Im Schatten junger Mädchenblüte). „Seine Liebe reichte weit über die Region des physischen Verlangens hinaus. Odettes Person nahm eigentlich keinen großen Raum mehr darin ein“ („In Swanns Welt“).