Wenigstens sie?! Man hört nachgerade das Echo in den Gehölzen des undurchschaubaren Daseins verhallen. Wer traut sich eine Antwort zu, die, wollte sie die Verzweifelten trösten, lauten müßte: „Ja. Ja. Ja! Nur die Liebe, nichts als die Liebe macht sehend!“? Manche erinnern sich noch an Annemarie Schimmel, die sich darum bemühte, uns Okzidentalen den in Verruf gekommenen Islam verständlich zu machen in Zeiten von Al-Kaida. Sie nannte ihren Forschungsansatz „liebendes Verstehen“. Man hat sie dafür einer liebenswerten Naivität geziehen. Ein anderer mag an Saint-Exuperys Fuchs denken – gerade der listige Fuchs! -, der dem Kleinen Prinzen ein Geheimnis des Inhalts verrät, man sähe nur mit dem Herzen gut[1]. Das Wesentliche sei für die Augen unsichtbar. Könnte, will uns der Dichter wohl sagen, es also nicht doch sein, daß das, was man in poetischer Sprache „Herz“ zu nennen gewohnt ist und das der „Liebe“ gleicht wie ein Ei dem anderen, so eine Art Brille oder Mikroskop fürs seelische Auge ist? Klärte sich die Welt zumindest ein wenig mit dieser Sehhilfe? Würde das Unsichtbare sichtbar? Was auch immer das „Wesentliche“ sei – das Sein, das Gute, das ewige Leben, die Freiheit, die Liebe, Gott – träte es nicht klarer und deutlicher hervor?

 

Ist aber diese Fuchs-Weisheit nach allem, was das Studium der Lebenswelt lehrt, nur märchenhaft verpackter Kindertrost für Erwachsene, die Kinder geblieben sind? Einiges spricht dafür, zumal die Kinder in Erwachsenengestalt wohl in der Mehrheit sind. Hingegen ganz und gar nicht für Kinder geeignet ist eine erstaunliche und mit Blick auf seine Zeitgenossenschaft ganz vereinzelte Briefstelle[2], in der Rilke mit der Inbrunst eines Jüngers des Tantrismus die augenöffnenden Qualitäten der körperlichen Wollust, der Sexualität als solcher, feiert, ohne eine Liebes-Beigabe (vielleicht etwas Eros, aber weder Agape noch Philia) auch nur zu erwähnen. Diese Wollust sei „ein sinnliches Erlebnis, nicht anders als das reine Schauen oder das reine Gefühl, mit dem eine schöne Frucht die Zunge füllt; sie ist eine große, unendliche Erfahrung, die uns gegeben wird, ein Wissen von der Welt, die Fülle und der Glanz alles Wissens.“

 

Das Bild von der schönen Frucht, die die Zunge füllt, könnte sowohl aus dem Hohelied[3] wie von Proust sein. Dieser, als Seelenkenner und –schilderer kaum zu übertreffen, beschreibt in der noch ganz wollustfernen Begegnung seines Erzählers mit Albertine („Im Schatten junger Mädchenblüte“) den Prozeß der Annäherung des liebenden Helden durch Blicke auf das Objekt seiner Leidenschaft. Er verarbeitet die Eindrücke, auch die falschen, die er von ihr gewonnen hat, und kommt zu dem resignierenden Schluß: „So könnte man, nachdem man nicht ohne tastende Versuche solche anfänglichen optischen Irrtümer erkannt hat, zu einer genauen Kenntnis eines Wesens gelangen, wenn diese Kenntnis überhaupt möglich wäre. Doch sie ist es nicht.“ Dafür durchdringt das grausame Auge andere Bereiche, was zwar nicht zum Wesen führt, aber etwa die wesentliche Dimension der Zeit erschließt. Prousts Erzähler benutzt, sich an die Mädchenschar erinnernd, zu der Albertine gehört, wenig galant eine botanische Metapher: „Wie auf einer Pflanzung, wo die Blüten verschiedener Zeit zu Früchten reifen, hatte ich sie am Strand von Balbec bereits als alte Damen gesehen, als jene vertrockneten Fruchtschoten, jene schwammigen Wurzelknollen, die meine Freundinnen eines Tages sein würden.“ Solche deprimierende Metamorphosen sehende Liebe sollte sich entsetzt und voller Scham die Hände vors Gesicht schlagen!

 

Ein mittellateinischer Spruch, der weit verbreitet war und den man auch etwa bei Richard von St. Victor im 12. Jahrhundert findet, lautet: Ubi amor ibi oculus also wörtlich: Wo Liebe ist, da ist das Auge. Die Engländer übersetzen eindeutiger: Where love is there is insight (also Einsicht, Verständnis). Andererseits galt für die Scholastik, daß (bezogen auf Gott) Kennen dem Lieben vorhergeht. Das führte zu dem Problem, was mit jenen geschehe, die Gott aus zeitlichen (mehrere hunderttausend Jahre) oder räumlichen Gründen nicht kennenlernen durften, obwohl sie Gerechte oder unschuldige Kleinkinder waren. Der Bau der Vorhölle (limbus) sollte es lösen. Aber daraus wurde eine Art ewiges Lampedusa, ein Schandfleck für das sich als barmherzig verstehende Christentum. Erst jüngst ist der Limbus auf Geheiß des Vatikan abgerissen worden. Wohin nun mit den Ungetauften? Wer gewährt ihnen Asyl? Muß man die entsprechende Gesetzgebung verändern, mit einer Novellierung sich dem Zeitgeist anpassen? Luhmann ist wohl zuzustimmen, wenn er ein Problem für die Religion darin sieht, „das Problem erst schaffen und bewußt machen zu müssen, das zu behandeln sie in der Lage ist“[4]. Immer weniger, wäre heute hinzuzufügen. Den Ungetauften ist es zunehmend egal. Und der Rest bastelt sich einen Privatglauben, demzufolge alles gut wird.



[1] Ein alter Topos, schon aus dem 18. Jahrhundert geläufig, etwa in Jakobis „Woldemar“: „Was gut ist, sagt dem Menschen unmittelbar und allein sein Herz.“

[2] an Franz Xaver Kappus v. 16. Juli 1903. – In den sieben phallischen Gedichten von 1915 versucht Rilke, dem Motiv eine lyrische Form zu geben, auch hier mit einem ekstatischen, negativ-religiösen Akzent („Gegenhimmerl“): „O stürz ihn, daß er, umgedreht / in deinen Schoß, den Gegen-Himmel kennt, / in den er wirklich bäumt und wirklich ragt. / Gewagte Landschaft, wie sie Seherinnen / in Kugeln schauen …“ – Körperliche Vereinigung als Bedingung des „Schauens“ einer Gegenwelt.

[3] „Apfelduft sei der Duft deines Atems / dein Mund köstlicher Wein, / der glatt in mich eingeht“ (7, 9f)

[4] Die Funktion der Religion, a.a.O.., S.37