Seit dem Ausbruch des Karikaturenstreits und angesichts der Fronten, die sich damals bildeten, wurde ich zum Verschwörungstheoretiker. Es hatte sich, so begriff ich, zwischen den Mullahs und Ayatollas, dem Papst und deutschen Intellektuellen (Habermas) ein Bündnis gebildet, von dessen Adhäsionsskraft ich mir vorher keine Vorstellung hatte machen können. Der ehemalige Teufel und Erzfeind Mohammed war “beleidigt” worden, und schon sprang der Vatikan den beleidigten Gläubigen zur Seite. Habermas, irgendwann mal aus dem Nebel des Neo-Marxismus auftaucht, beriet mit dem Papst darüber, wie ein postsäkulares Zeitalter einzuleiten sei, worin die Religion wieder mehr zu sagen haben würde. Und jetzt reiht sich in diese Flanke des Bündnisses – Künstler und Intellektuelle – der Büchnerpreisträger Martin Mosebach mit einem wahrhaft furchterregenden Beitrag ein.

Mosebach teilt den Lesern eines in der BERLINER ZEITUNG erschienenen Essays mit, daß er eine durchaus klammheimliche Freude daran habe, wenn blasphemischen Künstlern durch die Todesdrohungen der Muslime und ihrer Geistlichkeit (Fatwas) ein “gewaltiger Schrecken” eingejagt werde, wenn sich (wie man folgern muß) die Feinde des Glaubens wie Kurt Westergaard, Salman Rushdie oder Ayaan Hirsi Ali vor den frommen Killern verstecken müßten – vielleicht lebenslang. Nein – das mit Rushdie und Hirsi Ali und Westergaard schreibt Mosebrach natürlich nicht so deutlich, aber er kann nichts anderes meinen. Die Feinde des Islam sind auch seine Feinde. Er ist, christlich mitfühlend, beleidiigt, wenn die Muslime beleidigt sind, die ja (Mosebach klopft ihnen auf die Schulter) immerhin Jesus als Propheten hochschätzen. Wenn ihre “Ehre” auf dem Spiel steht, muß der Staat eingreifen, und wenn nicht eingegriffen wird … Ich für meine Person kann den geschindluderten Begriff “Ehre” nicht mehr ohne “Mord” denken.

Unser Großinquisitor freut sich über die “Musik”, die – den muslimischen Mitbürgern und Mitbürgerinnen sei Dank – wieder in die Gottes-Sache gekommen ist, denn die verstehen in Sachen Blasphemie keinen Spaß. “Auch in Deutschland”, freut sich der intellektuelle Vorzeigekatholik und tanzt begeistert nach der Musik, “dürfte eine strafrechtliche Ächtung der Blasphemie vor dem Hintergrund des wachsenden deutschen Islam wieder Bedeutung bekommen”. Die Blasphemiker müßten endlich wieder des Risikos innewerden, dem sie sich aussetzten, wenn sie Gott und die an ihn Glaubenden beleidigten. Freund, Nietzsche, Sartre und wie sie alle heißen, hätten, läge es an den Mosebachs, mit Publikationsverbot in ihren Zellen gesessen, wenn auch schon - Gott sei’s geklagt! - die Scheiterhaufen damals nicht mehr zu restituieren gewesen seinen.

Hans Blumenberg hat von der höchst merkwürdigen “Eigenschaft” Gottes, sich “beleidigen” lassen zu können, gemeint, sie sei vielleicht das stärkste Indiz für das Anthropomorphe des Phantasmas, das auch ins Grundgesetz Eingang gefunden hat und dort ebenfalls “Gott” genannt wird. Mosebach aber setzt auf die Wut der Beleidigten. (Nietzsche würde vom “Ressentiment” sprechen). Inquisitor Martin sehnt die mundschäumenden heiseren Massen herbei, “die sich durch die Blasphemie in ihren religiösen Überzeugungen so verletzt fühlen, dass ihre Empörung zu einem öffentichen Problem wird”. Er reibt sich die Hände (man sieht es förmlich): dann fließt endlich wieder Blut für den Glauben. Er freut sich vorweg über das Klima einer Gesellschaft, in der Blasphemie wieder gefährlich ist. Dann ist endlich Schluß mit der Toleranz, die nichts weiter sei als laue Indifferenz. Letztlich sei das auch gut für die Kunst, denn unterm strengen Blick der Glaubenspolizei haben sich Künstler immer besonders kreativ gezeigt.

Schließlich zitiert Mosebach Karl Kraus – und mit meiner Toleranz ist es vorbei. Jetzt nehme ich mein Recht auf Beleidigtsein wahr und fordere einen Prozeß wegen Gotteslästerung. Die uralte alttestamentarische mörderische Mosebach-Religon ist die eigentliche Erbsünde der Menschheit, von der sie nur (ganz wie im christlichen Glaubensbekenntnis) durch den Tod Gottes erlöst werden kann.

 

4 Kommentare

  1. Mosebach ist mir schon jahrelang wegen seines verbohrten Katholizismus aufgefallen.- Dabei habe ich ihn zuerst als Autor kennengelernt, dessen Ironie und Formulierungsfähigkeit ich schätzte und die mich an Doderer erinnerte.‚Westend‘ fand ich ein sehr lesenswertes, scharf gesehenes Nachkriegspanorama am Beispiel Frankfurts, – und aus der Groteske ‚Der Nebelfürst‘ habe ich ja im Rahmen unseres 1900 – Projekts einige Stellen (Vernissage) vorgelesen, die M.s kulturgeschichtliche Beschlagenheit wie sein ironisches Erzähltalent deutlich machten.
    Wie passt das nun zu dieser vernagelten und geradezu eifernden Haltung in Hinblick auf Religion (was ich mich genau so auch bei Matussek frage).
    Schon bei Balsac beispielsweise kann man das Phänomen beobachten, dass er als biographische Figur ein verbohrter Reaktionär und als Schriftsteller ein scharfer gesellschaftlicher Analytiker gewesen ist. – Céline war ein widerlicher, dumm-eifernder Antisemit; seine ‚Reise ans Ende der Nacht‘ habe ich gerade wieder gelesen: großartig, mutig, eigenständig. – Thomas Mann hat sich (wir haben es gerade gehört) entschieden gegen Oskar Panitza und auf die Seite der religiösen Betulichkeit gestellt, (vermutlich) ohne dessen grandioses ‚Liebeskonzil‘ überhaupt gelesen zu haben! Er hätte Mosebach für seinen Essay die Hand geschüttelt! …etc…etc…
    Das erklärt natürlich nichts! – Es verschärft nur die Frage, wie es zu diesem Widerspruch zwischen künstlerischer und biographischer Haltung kommt, die stets ganz besonders hervortritt, wenn es um Religion geht. – (Genau so, wie es bekanntlich viele bedeutende Naturwissenschaftler gibt, die im Stillen ihr religiöses Gärtchen pflegen.)

    Mosebach aber, und das macht den Unterschied, ist mit seinem Essay wirklich gefährlich, weil er Tendenzen verstärkt und hoffähig macht, die bislang eher latent waren, sich aber nun als ‚Empörung über den beleidigten Gott‘ gerechtfertigt sehen und zunehmend hervortrauen.

  2. Kürzlich gab es in der ZEIT ein Interview mit einer amerikanischen Physikerin, die bei ihren gläubigen naturwissenschaftlichen Kollegen eine Bewußtseinsspaltung dignostizierte, so etwas wie eine angeborene, aber als Normalität seit je etablierte Krankheit des todesbewußten Tiers. Das scheint mir allzu simpel. Da wandelt das Ich in seinem Gehirn hin und her, je nach Bedarf – ob es nun die Welt “verstehen” will oder die Todesangst bekämpfen. Derartige “Schizo”-Wissenschaftler weisen in der Regel solche Unterstellungen zurück wie Kirchentagsbesucher einen Eindringling, dessen T-Shirt der Satz ziert: “Religion ist heilbar”. Wenn es sich um “Krankheit” handelt, dann um die kierkegaardsche “Krankheit zum Tode” – das Leben selbst. Und seit seinen ersten aufrechten Gehversuchen in der offenen Savanne schützte das Anitdot eines irgendwie religiösen Fühlens das zweibeinige Tier vor jener Vernichtungsangst, die Rudolf Otto “Kreaturgefühl” nennt: “das Gefühl der Kreatur, die in ihrem eigenen Nichts versinkt und vergeht gegenüber dem was über aller Kreatur ist”. Weltneugierde (Wissenschaft) und Schutzbedürfnis (Religion) verschränkten sich wohl von Anfang an so, verschmolzen nachgerade, daß von einer “Schizophrenie” nicht zu sprechen ist, allerdings durchaus mit Freud von einer “Massenpsychose”, Die Menscheitsgeschichte kennt aber wohl keine “gesunde”, d.h. religionsfreie Phase. Dazu lohnt es immer noch, Max Weber zu lesen.

    Um auf Martin Mosebach zurückzukommen, unseren kämpferischen Inquisitor. Er erscheint mir als Ausbund psychischer Gesundheit, wenn diese statistisch gesehen das “Normale” ist, eine Mehrheits-Phänomen, aber im Unterschied zu seinen Glaubensgenossen (außer Herrn Matussek) traut er sich, seine “gesunde” Religiosität mutig vor sich herzutragen und sich dem vermeintlichen Feind, dem gotteslästerlichen “Atheisten”, entgegenzustellen. Wir sollten ihm dafür Lob zollen, denn er demonstriert uns, wie es mit dem Faktor Aufklärung in unserer westlichen Welt bis in die Klasse der Intellektuellen hinein wirklich bestellt ist. Keine Illusionen bitte! Auch Hannelore Kraft hat bei ihrer Vereidigung die Gottesformel in Anspruch genommen. Nur eine Floskel?

  3. Vorsicht, meine Herren, Aufklärung bedeutet nicht, dass der Mensch nicht mehr glauben darf. Man sei sich der Tragweite einer solchen Forderung bewusst. Der Mensch ist in seiner beschränkten Sinneswahrnehmung in einer unbeschreiblich komplexen Welt darauf angewiesen, Hypothesen zu bilden. Dazu gehören meiner Ansicht nach auch solche, die nicht belegbar sind und lediglich der Ich-Stabilisierung dienen, sprich einen Glauben formieren.

    Die Errungenschaft, die sich nun Aufklärung nennt und deren Vorzüge wir alle täglich genießen, ist nun die, dass Frau Kraft ihren persönlichen Glauben pflegt, sich davon jedoch nicht bei ihrer Arbeit als Ministerpräsidentin beeinflussen lässt. Solange das Gros der Massen seine eigenen Ersatzreligionen gefunden hat (Fußball, Facebook, World-of-Warcraft, …) finden reaktionäre Religionseiferer wie der zitierte Martin Mosebach keinen Nährboden, auf dem sie wirklich gefährlich werden könnten. Das ist vermutlich auch der Grund, warum sich Mosebach an einer derartigen “Indifferenz” (was sie ja in der Tat ist) im Sinne der Toleranz stört.

  4. Mich stört nur an der sog. “Gottesformel”, Felix, daß sie nachgerade Ausdruck von Indifferenz, Formelhaftigkeit, Leere ist – fast so wie “Um-Gottes-Willen!” oder “Jessesmaria”. Was soll das in einem Staatsakt? Was soll überhaupt “Gott” im Grundgesetz? Was/wer ist dort gemeint mit ihm? Frage nach! Niemand sagt es dir. Alle reden nur von der “christlichen Kultur”, zu der wir nun mal gehörten. Daß Frau Kraft gläubig ist – man weiß das aus Selbstbekundungen – stört mich nicht. Warum meiner Meinung nach Menschen “glauben”, habe ich an dieser Stelle mehrmals zu erklären versucht. Und daß auch “aufgeklärte” Menschen “glauben”, ist allgemein bekannt. Nur – als “aufgeklärte” sollten sie auch über die “Inhalte” des Glaubens informiert sein. Und diese Inhalte sind in der Regel bei solchen durchaus klugen Menschen von trostloser Unverbindlichkeit. Es bleibt heute, wie bei Margot Käsmann, nur doch der Gott, der uns liebhat. Nur ein solcher ist und heute noch zuzumuten. Der soll uns dann in seinen sicheren Armen wie ein Vater durch die privaten und öffentlichen Katastrophen tragen. Man könnte solch einen Glaubens-Utilitarismus auch zynisch nennen (Wenn’s denn hilft, sollen die Menschen ruhig glauben!). Da nehme ich, der bekennende Atheist, das Christentum und erst recht das Kreuz ernster. Dabei bin ich kein abgefallener Mönch, sozusagen kein eifernder Nichtraucher, der nun als ehemaliger Kettenraucher auf die Uneinsichtigen eindrischt. Ich sehe nur mit Staunen seit meiner Jugend und ihrem Konfirmandenunterricht, wie sich das Mosebach-Syndrom (Ohne Religion geht es nicht!) in allen milden und harten Varianten auch bei den Produzenten der verbindlichen Ideologien (Medien!) behauptet. Es übersetzt sich dann in der Regel so: Wäre Gott nicht tot und würden wir alle mehr “glauben”, wäre die Welt menschlicher. Genau das halte ich aber für den Kardinalirrtum.

  5. Pingback: Moskau, Religion und Macht (2) | Dreyzack

  6. Pingback: Christliche Solidarität | Dreyzack

Hinterlasse eine Antwort

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>