Bundespräsident Gauck hat sich am vergangenen Sonntag an der Beschneidungsdebatte vergangen. Da in den letzten Wochen erste, dezente Kritik an seiner Abstinenz aufkam, war es ihm vermutlich ein Bedürfnis, direkt mit der Büchse der Pandora zu spielen. Dabei hätte ihm klar sein müssen, dass die erste Regel für neue Bundespräsidenten ist, sich nicht in Themen einzumischen, bei denen sich die Vertreter von These und Antithese so unvereinbar gegenüber stehen.

In der neuesten Ansprache des Bundespräsidenten Gauck plädiert dieser ehrenwerte Mann für mehr Verantwortung, ergo mehr Auslandseinsätze, der Bundeswehr. Er wird unter anderem mit dem Satz: ”Und dass es wieder deutsche Gefallene gibt, ist für unsere glückssüchtige Gesellschaft schwer zu ertragen” zitiert. Mich lässt dieser Satz aufhorchen, und es stellt sich für mich die Frage, ob eine derartige Rede nicht sehr positiv bewertet werden muss.

Es gab einmal einen deutschen Fußballmeister der Herzen. Das war Schalke 04. Aber das war nicht der richtige Meister. Der hieß am Ende Bayern München – sozusagen der Meister der Herzlosen. Vor noch nicht einmal zwei Jahren bei der letzten Bundespräsidentenwahl war Christian Wulff der Kandidat der Herzlosen, Joachim Gauck der der Herzen. Wulff wurde Präsident nach Elfmeterschießen und weil die Linken den Torwart mit Laserpistolen irritierten. Jetzt ist wieder Gauck der richtige Meister - nach Aufgabe des Gegners wg. moralischen Genickbruchs. Fast alle lieben ihn, den Neuen - gezwungenermaßen. Sogar Angela Merkel. Was soll man machen gegen die Liebe des Volkes? Diese Frage zerfurcht nachgerade das Gesicht der Kanzlerin – will sie doch auch vom Volk geliebt werden. Die Liebe aber duldet keine Konkurrenz um das Herz des Geliebten.

Angela Merkel darf sich über steigende Umfragewerte freuen. Die Menschen draußen im Lande, wie sie in der Hauptstadt gerne genannt werden, trauen ihr das Krisenmanagement zu. Kaum einer fragt ernsthaft, ob sie die Krise überhaupt durchschaut hat (wer hat das schon – es sei denn, er hat “Das Kapital” gelesen!). Man hält sie für klug, sie ist immerhin Physikerin, also wird sie schon verstanden haben, worum es geht und die richtigen Maßnahmen treffen. Sie weiß sicher, wohin es geht, so wie der vielen vertraute Schutzengel überm Elternbett der Kinderzeit, der die Kinder im Gewitter sicher übern schäumenden Bach geleitete.