“Brüderlein und Schwesterlein wollen alle wir sein”, heißt es in der “Fledermaus”, einer immer noch äußerst populären Johann-Strauß-Operette aus dem Jahr 1874. Wenn man drüber nachdenkt - ein revolutionärer Text. Sieben Jahrzehnte zuvor (1805) hatte Schiller noch die “Schwestern” außen vor gelassen und bekanntlich gedichtet: “Alle (!) Menschen werden Brüder”. Wir, die durch Freud Gewitzten, wissen, daß jeder offensichtlich “falsche” oder auch nur laxe Wortgebrauch (niemand unterstellt Schiller, daß er Frauen nicht für Menschen hielt) etwas verbirgt, das in den unbewußten Etagen auch von Dichterhirnen sein Unwesen treibt – in diesem Falle die Einschätzung der Geschlechter im Patriarchat, also die Gleichsetzung von Mann (Bruder) und Mensch. Aber nicht nur deshalb ist das Operetten-Libretto an dieser Stelle revolutionär, fortschrittlicher jedenfalls als der vom fortschrittlichen Beethoven vertonte Text. Es enthält unüberhörbar eine Aufforderung zur (scheinbar?) inzestvermeidenden und deshallb (scheinbar?) sexvermeidenden Freundschaft zwischen Männern und Frauen.

Jüngst stand ich am Fenster meines Fitness-Studios neben einem Typen (nennen wir ihn Tom), dessen Haut nur an manchen Stellen durch die Tattoos hindurchschimmerte, von denen er bedeckt war wie ein Steinkohle-Kumpel nach der Schicht vom Staub. Wir kamen ins Gespräch, und seiner Sprechweise entnahm ich, daß ich es keineswegs mit einem  Unterschichtler zu tun hatte, auch nicht mit einem Freak aus der Drogenszene, sondern mit einem intelligenten, verheirateten Vater einer kleinen Tochter, der bis vor zwei Jahren noch als Banker nicht wenig Geld verdient hatte, ehe er seine Leidenschaft für Tattoos zur Besessenheit steigerte. Dann eröffnete er ein eigenes Tattoo- und Piercing-Studio, nachdem ihm sein Arbeitgeber die Unvereinbarkeit seines Erscheinungsbildes mit dem Image des Bankhauses vor Augen geführt hatte. Das neue Geschäft, sagte er mir, liefe gut. Er habe Kunden aus allen Bevölkerungskreisen.